Mühlenkunde - Perger Mühlsteine

Werkstatt Burgholzer, Perg
Harald Marschner

Der Mühlstein bzw. das Mühlsteinpaar war seit Jahrtausenden eines der wichtigsten Werkzeuge der Menschheit. Ohne Mahlen gibt es kein Mehl, die wichtigste Basis der Ernährung. So stand auch der Mühlstein unter besonderen Schutz. Es heißt im Buch Mose: „Man soll nicht Mühle noch Mühlstein pfänden; denn wer das tut, pfändet das Leben.“


Die uns bekannten Wassermühlen, mit zwei übereinanderliegenden runden Mühlsteinen, wurden im römischen Reich entwickelt und verbreiteten sich in ganz Europa. Windmühlen findet man in Europa erst ab dem 11. Jhdt., eine Technik aus Persien, die die Kreuzfahrer mitbrachten.  Seit dem frühen Mittelalter blieb das Mühlenwesen bis Anfang des 19. Jhdt. auf einer technischen Stufe.

Mühlsteine wurden aus besonders harten, oft porösen Gesteinen gewonnen, wie zum Beispiel Porphyr, Basaltlava, Konglomerat und aus speziellen Quarz-Sandsteinen, wie er in Perg vorkommt. Dieser besonders harte, körnige Sandstein ist ein Sedimentgestein, welches in der Tertiärzeit vor 30 bis 40 Millionen Jahren entstanden ist. Solche Sandablagerungen gibt es an vielen Stellen längs der Donau, aber nur in Perg in Oberösterreich und auch in Wallsee, in Sichtweite von Perg jenseits der Donau in NÖ, ist das Gestein so hart, dass daraus Mühlsteine gewonnen werden konnten.


In Perg ist das Mühlsteinhauergewerbe besonders gut dokumentiert, das Heimathaus-Stadtmuseum zeigt und bewahrt viele Dokumente dieses für Perg äußerst bedeutenden Gewerbes. Das im alten Scherer Mühlsteinbruch gelegene Freilichtmuseum Steinbrecherhaus vermittelt die Bearbeitung der Mühlsteine und im Scherer Mühlsteinbruch kann die schwere Arbeit der Mühlsteinbrecher, diese bezeichneten sich auch als Mühlsteinhauer, nachempfunden werden. Der Verein Steinbrecherhaus sammelt auch Informationen, Dokumente und Unterlagen aller Art über Mühlsteine, Mühlsteinbrüche und die Steinmüllerei, um dieses Wissen einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ab wann in Perg Mühlsteine abgebaut wurden ist nicht belegt, nur wenige Hinweise deuten auf eine alte Tradition. Allerdings mussten die Perger Mühlsteinbrecher im 16. Jhdt. eine bedeutende überregionale Stellung besessen haben, da sie sich im Jahre 1582 von Kaiser Rudolf II ihre Handwerksordnung bestätigen ließen und das Privileg erhielten, dass, wenn im „Lanndt ob der Enns Mühlstain prüch erfunden wurde“, diese nur von den Perger Meistern ausgebeutet werden dürfen. Allerdings wurden keine weiteren Lagerstätten entdeckt. Diese Handwerksordnung wurde von allen, nachfolgenden Kaisern bis zu Maria Theresia bestätigt. In der Handwerksordnung ist unter anderem auch festgehalten, dass „Wenn jemand wegen eines Mühlsteins bei einem Meister vorspricht, so soll dieser ihm seine Ware und seine Steinbrüche zeigen. Wenn dieser Meister keine Steine in der gewünschten Qualität hat, so ist er verpflichtet, dem Interessenten zu sagen, von welchen Meister er geeignete Steine beziehen kann.“

Die Zunft der Perger Mühlsteinbrecher hat sich sehr gut entwickelt und war mit Abstand der wichtigste Erwerbszweig des kleinen Marktes. Zur besten Zeit im 18. Jhdt. sind bis zu 35 Meister belegt! In dieser Zeit haben sich die Meister auch zu einer „Privilegierten Mühlstein Handelskompanie“ zusammen geschlossen. Diese Gesellschaft betrieb etliche Lagerstätten an der Donau, von wo die vielen Müller ihre Mühlsteine, die wahrscheinlich irgendwie genormt waren, abholen konnten.

Neben dem großen Scherer- und dem Kerngrabenbruch sind in Perg noch weitere 4 kleinere Sandsteinvorkommen nachgewiesen, in denen Mühlsteine  heraus gehauen wurden. Eine „Beschreibung des Mühlsteinbruches nächst dem Markte Perg im Mühlkreise“, dem Scherer-Bruch, aus 1834 gibt uns konkrete Angaben zur Arbeitsweise und zum Geschäftsumfang des Gewerbes auf. So heißt es, dass pro Jahr 1.200 bis 1.300 Mühlsteine vorgefertigt und in Oberösterreich, Unterösterreich, Steiermark, Ungarn, Böhmen, Mähren und in Bayern verkauft werden. Die Steine haben einen Durchmesser von 32 – 38 Zoll und eine von Höhe von 7 – 30 Zoll, das wären 84 bis 100 cm bzw. 21 bis 79 cm. Weiters heißt es: „in der Mühle liegt der untere Mühlstein unbeweglich, der obere ist der Läufer, und nach Verschiedenheit der Gegend ist bald der Größere, bald der Kleinere der Läufer.“.  Die Preise bewegten sich je nach Qualität pro Zoll „nach der Höhe gemessen“ zwischen 30 und 36 Kreuzer Konventionalmünze.

Aus den erhaltenen Rats- und Gerichtsprotokollen des Marktes Perg, sowie einiger erhaltenen Zunftbücher  können die Geschicke der Mühlsteinbrecher nachempfunden werden. Sie mussten sehr standesbewusste Herren gewesen sein, sie trugen zu festlichen Anlässen eine eigene Tracht. Aus dem Jahre 1833 ist auch eine eigene Zunftfahne erhalten. An kirchlichen Feiertagen gingen die Meister und Gesellen mit ihrer Fahne den übrigen Zünften voran.

Der langsame Niedergang der Perger Mühlsteinbrecher zeichnete sich ab den 1830er Jahren ab. Drei Ursachen waren dafür maßgeblich, die wichtigste war die Erfindung der Walzenstühle, eine gänzlich neue Technologie, die sich stetig ausbreitete und die Müllerei revolutionierte. Die Erweiterung des europäischen Wirtschaftsraumes durch verbesserte Transportwege und schneller Kommunikation machte es auch möglich qualitativ bessere Mühlsteine, z.B. die „Champagnersteine“ aus französischen La Ferté Quarz zu beziehen und zum dritten wurden später auch preiswertere „künstliche“ Mühlsteine gegossen.

Im Gegensatz zu vielen Mühlsteinunternehmen, die einfach ihre Brüche auf Grund des Auftragsrückganges geschlossen haben, reagierten die verbliebenen vier Perger Meister mit der Gründung einer gemeinsamen Firma „Fries, Burgholzer & Co“, sie nannte sich sehr bald „Fabrik französischer, deutscher und künstlicher Mühlsteine“ und bezeichnete sich als das „Größte Mühlsteinbruch-Unternehmen“ Österreichs. Man erzeugte neben den Mühlsteinen auch Mahl- und Schleifsteine, auch aus Granit, für viele andere industrielle Anwendungen und positionierte sich als Lieferant für Müllereibedarf, Walzenstühle und andere Müllerei-Maschinen.

Daneben wurden zukunftsträchtige Produkte entwickelt, deren Basis der hervorragende Perger Sandstein war. Jedenfalls wurde der letze Mühlstein in den 1930er Jahren im Schererbruch heraus gehauen und in den 1970er der letzte künstliche Mühlstein ausgeliefert. Heute ist das Nachfolge-Unternehmen „Capatect“ der Marktführer für Wärmedämmverbundsysteme in Österreich, einen der wesentlichen Rohstoffe stellt nach wie vor der Quarzsand dar. 

In Österreich sind im Internet zumindest 14 Orte erwähnt, in denen mehr oder weniger Mühlsteine gewonnen wurden. Neben Perg und Wallsee, dürften die bedeutenderen Brüche in Bad Gleichenberg, vulkanisches Gestein, in Landl und Hieflau an der oberen Enns, jeweils Konglomerat, gewesen sein. Für österreichische Müller, speziell in Salzburg, Tirol und im Innviertel, dürften auch die Mühlsteinbrüche in Ramsau bei Berchtesgaden, Konglomerat, und vor allem die Brüche in Neubeuern und Brannenburg in der Nähe von Rosenheim, Sandstein, von Bedeutung gewesen sein. Von den anderen Mühlsteinbrüchen sind nur sehr wenige und kaum verwertbare Informationen im Internet zu finden. Eine intensivere Suche und Recherche wird wahrscheinlich noch zu mehr Informationen führen.

Interessant wäre es der Frage nachzugehen, wie groß der jährliche Bedarf an Mühlsteinen z.B. im frühen 19. Jhdt. gewesen sein mag. Wenn die Anzahl der Mühlen bekannt wäre, wäre eine Hochrechnung möglich. Zum andern müsste man wissen, wie lange ein durchschnittlicher Mahlgang aus Boden- und Läuferstein in Betrieb stand. Wir in Perg glauben, dass in einer Mühle, die nicht das ganze Jahr in Betrieb stand, ein Mühlsteinpaar an die 10 Jahre gehalten hat. Wir würden uns sehr freuen, darüber mehr zu erfahren und in einen fachlichen Austausch mit erfahrenen Müllern  zu treten.